Mut zur Wahrheit: Die Sache mit der Ungleichheit

Mut zur Wahrheit: Die Sache mit der Ungleichheit

In seiner Kolumne widmet sich Prof. Dr. Christian Hagist dem Thema Ungleichheit und räumt mit Mythen auf.

"Die acht reichsten Individuen besitzen zusammen genau so viel wie 50 Prozent der Erdbevölkerung." So oder so ähnlich lautete der Tenor einer Studie der Nichtregierungsorganisation OXFAM, welche rechtzeitig zum Wirtschaftsforum in Davos der Öffentlichkeit vorgestellt wurde - die Presseabteilung versteht ihr Handwerk. Wissenschaftlich steht die Studie eher auf wackeligen Füßen, da jeder meiner Studierenden hier an der WHU, welcher zur Finanzierung seines Studiums einen Kredit aufnimmt, statistisch den Armen zugerechnet wird. Harvard und Stanford dürften in dieser Logik von den Ärmsten der Armen bevölkert werden, da afrikanische Haushalte sich in einer solchen Höhe aufgrund fehlender Kapitalmärkte kaum verschulden können. Rechnet man so, kommt man dann auch zu den extremen Verhältnissen wie in der oben angemerkten Schlagzeile.

Statistik-Liebling Ungleichheit

Ungleichheit ist eine relative Sache. Sie ist in entwickelten Staaten leicht zu messen und freut sich daher auch argumentativer Beliebtheit, sei es als Maß dafür, dass die Gesellschaft insgesamt auseinanderdriften würde oder die Altersarmut angeblich anstiege. Leider lassen Ungleichheitsmaße relativ wenige Rückschlüsse zu, wie es einer Gesellschaft wirklich geht oder wie viel Armut es in einer Volkswirtschaft tatsächlich gibt. Warum, sei an zwei Beispielen verdeutlicht. Sieht man sich gängige Ungleichheitsmaße wie etwa den Gini-Koeffizienten an, welcher bspw. misst, wie Einkommen in einer Gesellschaft verteilt sind, so steigen diese oft an (und zeigen dadurch ein höheres Maß an Ungleichheit an), wenn die Arbeitslosigkeit abnimmt. Dies erscheint auf den ersten Blick kontraintuitiv, ist aber sachlogisch. Vormals Arbeitslose steigen meist zu niedrigeren Stundenlöhnen wieder in den Arbeitsmarkt ein als die Löhne, welche die bisher Beschäftigten bekommen. Man denke hier nur an Langzeitarbeitslose. Sämtliche Studien zeigen, dass die Lebenszufriedenheit mit der Wiederaufnahme von Arbeit steigt. Arbeitslosigkeit drückt aufs Gemüt. Will heißen: Trotz der größeren Ungleichheit bei den Löhnen sind aller Wahrscheinlichkeit nach bei sinkender Arbeitslosigkeit mehr Menschen glücklicher.

Ronaldo macht arm

Als zweites Beispiel diene die Verpflichtung des Fußballspielers Ronaldo durch einen Bundesligaverein. Allein durch diesen Transfer stiege die Armutsquote in Deutschland. Warum? Da wir Armut oftmals über den Anteil am Medianeinkommen (50 Prozent aller Einkommen liegen über diesem Wert, 50 Prozent darunter) messen. In OECD-Ländern gilt als arm, wer weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens zur Verfügung hat. Wenn nun Ronaldo alsdann bestbezahlter Spieler in die Bundesliga wechselt (wenn Sie kein Fußballfan sind, können Sie sich auch vorstellen, dass Bill Gates Deutscher wird), steigt automatisch das Medianeinkommen - und so auch statistisch die Armut in Deutschland. Und wiederum dürfte der Effekt auf die Wohlfahrt insgesamt eher positiv sein. Fußballfans dürften es toll finden, einen solchen Spieler in Deutschland zu haben, für Nicht-Fußballfans ändert sich nichts.

Wie man also deutlich sieht, ist bereits die Messung von Ungleichheit oder Armut mit Problemen behaftet - aber dies gilt natürlich auch für viele andere Bereiche der Statistik. Dies ist per se kein Grund, solche Zahlen nicht zu erheben, aber man muss eben vorsichtig mit ihnen umgehen. Dies wird in unserem medialen Zeitalter auf der Hatz nach der nächsten Schlagzeile (siehe oben) oft vergessen oder absichtlich ignoriert. Schaut man sich nun die Ungleichheitsmaße wie bspw. den oben genannten Gini-Koeffizient an, so kann man Folgendes feststellen: Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es fast in allen Industrieländern zu einer Abnahme der Ungleichheit. Diese Entwicklung dauerte bis in die 1980er Jahre an. Danach kommt es zu einer Trendumkehr - am drastischsten in den USA, aber auch in milderer Form in Deutschland oder Frankreich. Allerdings sind wir immer noch weit von der Ungleichheit zu Anfang des 20. Jahrhunderts entfernt. Gleichzeitig hat sich die absolute Armut global weiter verringert. Durch die Globalisierung leben immer weniger Menschen mit weniger als 1,25 US-Dollar am Tag, was die Weltbank als absolutes Armutsniveau definiert.

Ungleichheit existiert

Wir leben also in einer Welt, in welcher es insgesamt immer mehr Menschen besser geht (und dies vor allem durch die Öffnung ihrer Märkte und die Anwendung marktwirtschaftlicher Prinzipien). Ein Preis, welchen hierfür die reicheren Staaten zahlen, ist, dass dort die relative Ungleichheit steigt (wenn auch in durchaus unterschiedlichem Maße im Vergleich der Länder). Die Frage ist nun, wie die Politik auf diesen Befund am besten reagieren sollte. Und hier kommt eine alte Diskussion wieder auf: Soll man das Ergebnis ex-post verändern oder ex-ante die Chancengleichheit in den Vordergrund stellen?

Politisch erscheint ersteres opportun, da man damit Handlungsfähigkeit demonstrieren kann. Insgesamt ist dies aber ein gefährlicher Weg. Die Steuereinnahmen in Deutschland sind auf einem Rekordhoch, warum wir noch mehr staatliche Aktivität brauchen, muss gut begründet werden. Eine direkte Steuerung der Ungleichheit über bspw. die Wiedereinführung der Vermögensteuer ist hochgefährlich - am Ende dürften hier die Zeche nicht die vermeidlich Vermögenden bezahlen, sondern die Arbeitnehmer- da Unternehmer weniger investieren werden oder schlimmstenfalls das Land verlassen. Zudem ist das deutsche Steuersystem bisher auch ohne Vermögensteuer ziemlich erfolgreich bei der Umverteilung. Die recht hohe Ungleichheit bei den Markteinkommen, welche aufgrund unterschiedlicher Produktivität der Individuen zustande kommt, wird durch die progressive Einkommensteuer und die Transferpolitik deutlich verringert, so dass Deutschland sich international hier nicht verstecken muss. Wir sind eine Soziale Marktwirtschaft im Erhard'schen Sinne.

Chancengleichheit erhöhen, statt Steuern

Ökonomisch besser ist, sofern wir Ungleichheit als Problem wahrnehmen, die Chancengleichheit in den Vordergrund zu stellen. Denn Ungleichheit ist eigentlich nur dann ein Problem, wenn sie persistent wird - will heißen, wenn das Einkommen der Eltern das eigene Einkommen stärker vorhersagt als die Ausbildung oder eigene Anstrengung. Daher sollten wir unsere Anstrengung darauf richten, dass jedes Kind in Deutschland die Chance hat, der neue Mark Zuckerberg zu werden. Dies ist nur über ein besseres Bildungssystem und nicht über ein Mehr an Steuern erreichbar. Neben der generellen Einkommensungleichheit gilt es auch andere Dimensionen im Blick zu behalten. Der Brexit kam wahrscheinlich auch daher zustande, dass in Großbritannien zwar per se kein sehr hohes Level an Einkommensungleichheit zu finden ist, aber die höchste regionale Disparität in der ganzen EU. Auch andere Staaten mit besorgniserregenden Umfragen wie Frankreich sehen sich mit einer steigenden regionalen Ungleichheit konfrontiert - hier gilt es aufzupassen: Nicht von ungefähr hat die AfD in Ostdeutschland relativ betrachtet die meisten Unterstützer.

Zur Person

Univ. Prof. Dr. Christian Hagist ist Inhaber des von DIE FAMILIENUNTERNEHMER gestifteten Lehrstuhls für Generationenübergreifende Wirtschaftspolitik an der WHU Otto Beisheim School of Management, Campus Vallendar. Seit 2014 ergänzt das Lehrangebot die volkswirtschaftliche Ausbildung an der WHU punktuell um den Aspekt der Nachhaltigkeit.

 


 
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