Hilf dir selbst! Ein Plädoyer für mehr Eigenverantwortung

Hilf dir selbst! Ein Plädoyer für mehr Eigenverantwortung

In seiner Kolumne ruft Prof. Dr. Christian Hagist zu mehr Eigenverantwortung auf.

Eigenverantwortung gilt grundsätzlich als positiv besetzter Begriff. Sie ist das Fundament einer Sozialen Marktwirtschaft. Eigenverantwortung bedeutet dabei keineswegs ein Mangel an Solidarität, sondern ist viel mehr eine Grundvoraussetzung für deren effiziente Organisation – beispielsweise die vielzitierte Hilfe zur Selbsthilfe. Leider werden die Räume für ein liberales Verständnis von Eigenverantwortung im aktuellen gesellschaftlichen Umfeld immer enger – sei es aus Zweckender Umverteilung oder aus Zwecken kurzfristigen Denkens wie beispielsweise dem Erhalt von Arbeitsplätzen.

Meine Verantwortung tragen besser andere

Die vergangenen Jahre waren von schwindendem Vertrauen in eigenverantwortliches Handeln geprägt und signalisieren vielmehr, dass wir in einer Zeit der Kollektivierung von Risiken leben. Beispiele hierfür gibt es zu Hauf, sei es die in der betrieblichen Altersvorsorge angedachte Standardisierung der Verträge durch Tarifbindung oder die Abschaffung der Praxisgebühr für den Arztbesuch. Dabei ist es gerade in der sozialen Sicherung, bspw. in der gesetzlichen Renten- oder Krankenversicherung, besonders fraglich, wie wir ohne ein Mehr an Eigenverantwortung weiterwirtschaften können. Ein großer Teil der sogenannten Baby-Boomer-Generationen, also die Geburtsjahrgänge zwischen Mitte 1950 und Mitte 1960, haben sich eigenverantwortlich gegen Kinder entschieden, was individuell vollkommen in Ordnung ist. Andererseits bedeutet dies ebenfalls, dass man nun auch mehr Eigenverantwortung in den oben genannten Versicherungen schultern muss. Beide Systeme sind im Umlageverfahren finanziert und benötigen daher eine stabile Demografie, um nachhaltig finanzierbar zu sein. Nicht nur aufgrund der niedrigen Fertilität, die steigende Lebenserwartung spielt ebenfalls eine große Rolle, sind wir jedoch eine alternde Bevölkerung.

Meine Verantwortung, teure Konsequenzen

Die Schröder-Regierung hat darauf bereits vor über zehn Jahren regiert und die Eigenverantwortung in der Alterssicherung herausgestellt – immer noch richtig, leider immer noch umstritten, wie die Debatten um die Abschaffung der Riester-Rente zeigen. Ohne zusätzliche private und/oder betriebliche Altersvorsorge werden wir es jedoch nicht schaffen – beiden Säulen gehört die Zukunft. Der gesetzlichen Rentenversicherung obliegt es lediglich, eine gewisse Basis zu schaffen, die aber für sich genommen in vielen Fällen für einen entspannten Lebensabend nicht ausreichen wird. Somit mutet die derzeitige Debatte um eine Festschreibung des Rentenniveaus fast schon komisch an: Die Konsequenzen aus der eigenverantwortlichen Entscheidung, kollektiv weniger Kinder zu bekommen, müssen auch eigenverantwortlich angegangen werden und nicht zu Lasten der wenigen Kinder und zukünftigen Generationen. Genau dies würde eine Festsetzung des Rentenniveaus, wie aktuell von Gewerkschaftsseite und einiger Parteien angedacht, jedoch implizieren.

Während bei der Rente wenigstens über Eigenverantwortung gestritten wird, übernimmt diese beim Thema Gesundheit einfach niemand – hier stellen wir uns nicht einmal der gesellschaftlichen Debatte. Eine der schwierigsten und besonders kontroversen Fragen ist dabei, welche Leistungen eigentlich Bestandteil einer sozialen Krankenversicherung sein sollten und welche Leistungen eher den Charakter normaler Güter haben und somit der souveränen, eigenverantwortlichenEntscheidung der Konsumenten unterliegen. So müssen große Lebensrisiken wie etwa Notfallbehandlungen oder Krebstherapien selbstverständlich solidarisch abgesichert sein – alles andere wäre in unserem reichen Land seltsam. Ob jedoch die Zahnbehandlung oder beispielsweise Kuren über die sozialen Systeme aufgefangen werden müssen, ist durchaus fraglich. Staaten wie die Schweiz oder das nicht unbedingt durch soziale Kälte bekannte Norwegen kennen für den Zahnarzt nur eine private Absicherung. Die Zahngesundheit ist in beiden Ländern dennoch nicht schlechter als in Deutschland. Es gäbe somit durchaus Gesundheitsbereiche, welche dem privaten Ermessen überlassen werden könnten oder zumindest einem privatisierten Markt mit entsprechender Regulierung (wie beispielsweise im KFZ-Haftpflichtwesen).

Eigenverantwortung für andere

Wenn wir das Thema Eigenverantwortung ernst nehmen, müssen wir auch Verantwortung für zukünftige Generationen übernehmen. Ansonsten sägen wir auf dem Ast, auf dem wir sitzen. Daher brauchen wir im Gesundheitswesen dringend einen echten Rationierungsmechanismus. Grundsätzlich gibt es hier zwei Denkschulen, welche beide kaum in reiner Form auftreten: Erstere ist das System der sogenannten Gatekeeper. Hier entscheidet entsprechendes Fachpersonal, ob beispielsweise ein Arztbesuch notwendig oder ein Facharzt aufgesucht werden sollte. Die andere Philosophie erlaubt dem Patienten eine eigenständige Entscheidung, erwartet von ihm für dieses Recht jedoch auch eine gewisse Kostenbeteiligung via einer Selbstbeteiligung. Nach dieser Logik ist beispielsweise das Schweizer System mit einer obligatorischen Selbstbeteiligung ausgestaltet. Das deutsche System mit freier Arztwahl und der Ausgestaltung der meisten ambulanten Leistungserbringer als freie Berufe, wäre grundsätzlich ebenfalls für ein solches System prädestiniert. Denn wenn die Entscheidung, ob und wie oft ich zum Arzt gehe bzw. wie viele Ärzte ich für eine Diagnose aufsuche beim Patienten liegt, so muss folglich auch ein Teil der Kosten getragen werden.

Dies widerspricht keineswegs dem Solidaritätsgedanken, genau das Gegenteil ist der Fall – nur so kann ein Überkonsum des Gutes Gesundheit vermieden werden. Da wir glücklicherweise alle älter werden und es in Zukunft noch ungeahnte Entwicklungen bei Therapien geben wird, brauchen wir eine Form der Rationierung, entweder durch staatliche Akteure oder durch mündige Patienten. Einer Sozialen Marktwirtschaft dürfte letzteres besser stehen. Die Debatte darum muss möglichst bald erfolgen, denn Zeit ist hier – im wahrsten Sinne – Geld. Zukünftige Leistungsversprechen bereits heute zu verteilen, ohne zu wissen, wie diese finanziert werden sollen, ist alles andere als erwachsen und schon gar nicht eigenverantwortlich.

Zur Person

Univ. Prof. Dr. Christian Hagist ist Inhaber des von DIE FAMILIENUNTERNEHMER gestifteten Lehrstuhls für Generationenübergreifende Wirtschaftspolitik an der WHU Otto Beisheim School of Management, Campus Vallendar. Seit 2014 ergänzt das Lehrangebot die volkswirtschaftliche Ausbildung an der WHU punktuell um den Aspekt der Nachhaltigkeit.

 


 
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