Die Zukunft der Arbeit - und was wir dafür tun müssen

Die Zukunft der Arbeit - und was wir dafür tun müssen

In seiner Kolumne widmet sich Prof. Dr. Christian Hagist den Problemen, die auf unsere Gesellschaft zukommen wird, wenn wir uns ihrer nicht aktiv annehmen.

Vor kurzer Zeit klingelten zwei Vertreterinnen einer gewissen Religionsgemeinschaft an meiner Tür und wollten mit mir über die Zukunft sprechen. Es wurde ein kurzes Gespräch, nicht weil ich sie abwies, sondern weil ich etwas zu Protokoll gab, was sie nicht erwarteten: Die Zukunft wird meiner Erwartung nach großartig – wenn wir die richtigen Weichen stellen …

Ein Teil der Wirtschaftswissenschaft in den USA hingegen hegt einen gewissen Pessimismus bezüglich der Zukunft, insbesondere der Zukunft der Arbeit. Während den Amerikanern aufgrund der konstant großen Einwanderung und relativ hohen Geburtenraten das Wort "Fachkräftemangel" eher unbekannt vorkommt, gibt es eine Denkschule, welche vor den Folgen der digitalen Disruption für den Arbeitsmarkt warnt. Dieser Denkschule zufolge wird der bereits stattfindende Rückgang der Mittelklasse durch die Digitalisierung beschleunigt und bis zum (fast) kompletten Verschwinden dieser führen. Zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung würden dann in gut bezahlten, erfüllenden Arbeitsverhältnissen arbeiten, während der größte Teil der Gesellschaft entweder keine oder nur sehr schlechte Arbeitsverhältnisse inne hätte. Da dies vor allem ein Problem der Jugend sei – alte Arbeitsverhältnisse würden zu Ende geführt bzw. es dauert eben noch bis die digitale Disruption Fahrt aufnimmt – sei dies nicht zuletzt eine generationenübergreifende Herausforderung.

Sicherheit in der Berufswahl wird zukünftig gewiss schwierig zu bekommen sein. Laut einer Studie der Universityof Oxford beträgt die technische Ersetzungswahrscheinlichkeit für bspw. Buchhalter und Wirtschaftsprüfer fast 94 Prozent. Vor zehn Jahren galt dieser Berufsstand bei Betriebswirtschaftsstudierenden noch als sichere Bank mit Ansehen und gutem Einkommen. Auch der Vertrieb, in welchem gerade im Finanzsektor noch zahlreiche Menschen arbeiten, wird sich laut diesen Zahlen auf revolutionäre Zeiten vorbereiten müssen. Selbst Makler werden – ob nun mit oder ohne Bestellerprinzip – zum Großteil durch künstliche Intelligenz ersetzt werden. Diese Entwicklung macht auch nicht vor akademischen Berufen halt. Volkswirte, welche bspw. technische Analysen der Märkte anfertigen, werden sich umorientieren müssen. Wer sich – gemäß dieser Studie – Sicherheit für seine Kinder wünscht, sollte Ihnen zu einem zahnmedizinischen oder theologischen Studium raten – beide Branchen gelten als kaum digital ersetzbar. Gleiches gilt für Physiotherapeuten und FitnesstrainerInnen – offenbar trotz des Erfolgs einschlägiger Fitnessapps.

Die spannende Frage die sich nun stellt, ist, inwieweit sich erstens die oben skizzierte Situation der USA aufstark alternde Gesellschaften wie Deutschland übertragen lässt und zweitens inwieweit technische Ersetzbarkeiten auch betriebswirtschaftlich wirksam werden. Denn bereits heute zeigt sich, dass nicht jede Wertschöpfung,welche maschinell betrieben werden könnte, auch im Betriebmaschinell durchgeführt wird. Jeder Unternehmerentscheidet hier auf Grundlage der anfallenden Kosten. Was aber kostet die Investition und Wartung der Maschine gegenüber den Kosten menschlicher Arbeit? Diese Kalkulation hängt wiederum von den Bedingungen auf den Arbeitsmärkten ab – von der Qualifikation der Arbeitnehmer,von politischen Rahmenbedingungen wie Mindestlöhnen und Betriebsverordnungen und natürlich nicht zuletzt wie wir den Faktor Arbeit fiskalisch belasten.

Gemäß der offiziellen Bevölkerungsvorausberechnung der Vereinigten Staaten von Amerika wird die amerikanische Bevölkerung bis 2060 um knapp 100 Millionen Menschen wachsen. Deutschland hingegen wird weniger Menschen beherbergen – vor allem im erwerbstätigen Teil der Bevölkerung. Vor der massiven Zunahme der Migration vor zwei Jahren gingen die meisten Wirtschaftsforscher davon aus, dass selbst unter optimistischen Annahmen das Potential an Erwerbspersonen von derzeit ca. 43 Millionen auf 35 Millionen im Jahr 2060 sinken wird – wir verlieren also knapp 20 Prozent der potentiellen Arbeitnehmer und Unternehmer. Viele Mittelständler spüren diese Entwicklung bereits heute – in vielen Branchen ist aus einem Arbeitgebermarkt ein Arbeitnehmermarkt geworden, in welchem man um potentielle Kandidaten buhlen muss. Wie die oben genannten Zahlen zeigen, ist dies aber erst der Anfang der Entwicklung. Deutschland wird sein Wohlstandsniveau somit ohne digitale Disruption gar nicht halten können – zudem im Zuge des demografischen Wandels noch massive ungedeckte Schecks in den sozialenSicherungssystemenlauern. Doch was müssen wir tun,um das zweite Maschinenzeitalter in ein goldenes zu verwandeln?

Die Antwort ist einfach und schwierig zu gleich: Bildung, Bildung und nochmals Bildung.

 

Sie werden nun sagen, dass wird doch seit Jahren gepredigt – das ist korrekt, macht die Antwort aber nicht weniger richtig und leider sind bildungspolitisch in den letzten Jahren meist keine oder die falschen Dinge beschlossen worden. Die digitale Revolution wird ohne eine jetzt beginnende Bildungsrevolution unsere Kinder in die oben beschriebene Sackgasse führen – Champions League oder Kreisliga, nichts dazwischen. Mit Bildung können wir (bzw. unsere Kinder) die digitale Revolution so gestalten, dass sich daraus ein noch wohlhabenderes Deutschland ergibt als wir es heute schon haben. Die Bildungsrevolution muss dabei aus meiner Sicht auf allen Ebenen erfolgen.

Zuallererst müssen wir die antiquierte Finanzierung über die Länderhaushalte abschaffen – im globalen Wettbewerb muss Bildungsfinanzierung und Standardsetzung die Sache des Bundes sein. Die Bundesländer werden nämlich aufgrund der Pensionierungswelle bei gleichzeitiger Schuldenbremse schlicht keine Mittel mehr haben, um in diesen Bereich im notwendigen Maße zu investieren. Zeitgleich brauchen Schulen mehr Autonomie bei der Einstellung von Lehrern und der Gestaltung des Unterrichts vor Ort. Ein Fach wie Informatik,in welchem man spielerisch und gar nicht unbedingt vor einem Bildschirm das Funktionieren von Algorithmen und ähnlichem lernt, müsste flächendeckend bereits in der Grundschule angeboten werden. Wie so oft fehlt es in diesem Bereich sicher nicht an (sogar wissenschaftlich abgesicherten) Ideen, allein an der Umsetzung hapert es. Natürlich kostet eine solche Bildungsrevolution etwas – aber auf der Bundesebene wäre dann endlich die Allokationsentscheidung zu treffen, ob wir Geld für Rentner oder Schüler ausgeben wollen – im momentanen föderalen Dickicht kann man sich hier wunderbar wegducken. Ohne eine solche Bildungsrevolution wird, bei verhältnismäßig sehr teuren aber gleichzeitig relativ unqualifizierten Arbeitskräften, das amerikanische Szenario der Zwei-Klassen-Gesellschaft auch für Deutschland immer wahrscheinlicher – mit unabsehbaren Folgen für Demokratie und Gesellschaft.


Zur Person

Univ. Prof. Dr. Christian Hagist ist Inhaber des von DIE FAMILIENUNTERNEHMER gestifteten Lehrstuhls für Generationenübergreifende Wirtschaftspolitik an der WHU Otto Beisheim School of Management, Campus Vallendar. Seit 2014 ergänzt das Lehrangebot die volkswirtschaftliche Ausbildung an der WHU punktuell um den Aspekt der Nachhaltigkeit.

Terminhinweis: Am 24. und 25. Juni 2016 findet an der WHU die Konferenz Familienunternehmen statt. Thema in diesem Jahr: Digitale Revolution – und was sie für Familienunternehmen bedeutet.

 
 
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